"Musik begleitet uns, formt uns und bleibt ein Teil unseres Denkens und Fühlen"


Mit feinem Gespür für die Klänge jener Tage webt der Bochumer Autor Geschichten und Gedichte, die das Lebensgefühl einer Generation lebendig werden lassen. Doch seine unterhaltsamen Erzählungen, in absurder, witziger, surrealer oder lakonischer Manier verfasst, verweilen, wie auch in seinen bisher erschienenen Büchern, nicht nur in der Vergangenheit, so verrät es Ulli Engelbrecht im Interview.

 

Ihr neues Buch trägt den Titel "Klaus Nomi war ja eigentlich Konditor". Doch Klaus Nomi selbst kommt nur am Rande vor. Warum haben Sie sich für diesen Titel entschieden?

 

Der Titel lässt bewusst Raum für eine humorvolle Interpretation, wie sie typisch für meine Geschichten ist. Klaus Nomi war Countertenor, Performance-Künstler und New-Wave-Musiker und er war bekannt für seine einzigartige Mischung aus Operngesang, Pop und avantgardistischem Stil. Er wurde in den 1980er Jahren in New York berühmt und war eine Ikone der Underground- und Queer-Szene. Seine auffällige Bühnenpräsenz, futuristische Kostüme und außergewöhnliche Stimme machten ihn einzigartig. Er starb 1983 als einer der ersten prominenten Künstler an den Folgen von AIDS. Nomi steht quasi als Synonym für die "unentdeckte" oder "verborgene" Seite eines jeden Menschen, der im Alltag oft eine Rolle spielt, die mit seinem Innersten nicht viel zu tun hat. Gleichzeitig verkörpert er den Aufbruch-Geist der 1970er- und 1980er-Jahre: eine Zeit der Experimente, des Individualismus und der kreativen Freiheit. Somit kann die Wahl des Titels auch als Hommage an diese Ära verstanden werden – an die Personen und Geschichten, die zeigen, wie das Lebensgefühl jener Zeit auch heute noch nachklingt und inspiriert.

 

Ihr Buch verwebt Musik und persönliche Erlebnisse. Welche Rolle spielen die Songs und Sounds in Ihren Erzählungen?

 

Musik war und ist für mich immer eine Art Soundtrack des Lebens. Viele Menschen erinnern sich an bestimmte Momente ihres Lebens anhand der Musik, die damals lief. Die Songs von früher sind nicht bloß Nostalgie, sie haben nach wie vor Relevanz. Sie spiegeln den Zeitgeist, Stimmungen und Haltungen wider. In meinen Geschichten verbinde ich die Musik mit eigenen Erlebnissen, philosophischen Gedankengängen und auch lustigen Spinnereien. Ich möchte zeigen, wie stark Rock und Pop unser Denken und Empfinden prägt und uns in unerwartete Richtungen lenken kann.

 

Ihre Erzählungen sind oft surreal, humorvoll und lakonisch. Wie entsteht dieser besondere Stil?

 

Ich liebe es, die Dinge aus einer ungewohnten Perspektive zu betrachten. Oft entstehen die besten Geschichten aus Zufälligkeiten oder beiläufigen Gedanken, die ich weiterspinne. Ich spiele gerne mit Sprache und versuche, das Absurde im Alltäglichen sichtbar zu machen. Humor ist dabei ein zentrales Element – nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel, um auch ernste oder nachdenkliche Themen auf eine unterhaltsame Weise zu verarbeiten. So wird aus einer banalen Alltagsszene manchmal eine Geschichte, die zum Schmunzeln anregt, aber zugleich zum Nachdenken einlädt.

 

In Ihrem Buch thematisieren Sie altersbedingte Wehwehchen und skurrilen Fantasien, die durch Medikamente entstehen. Warum haben Sie diese sehr persönlichen Aspekte integriert?

 

Weil sie zum Leben gehören. Ich finde, es gibt viel Humor und Erkenntnis in den Dingen, die uns manchmal aus der Bahn werfen. Gerade in Momenten, in denen man sich verletzlich fühlt oder mit sich selbst hadert, entstehen oft die besten Geschichten. Und wenn Medikamente plötzlich dafür sorgen, dass man sich wie ein Metal-Rockstar fühlt – warum sollte man das nicht aufschreiben? Es sind genau diese kleinen Episoden, die das Leben interessant und erzählenswert machen.

 

Nicht nur Ihr neues Buch ist mehr als nur ein nostalgischer Rückblick. Was möchten Sie den Lesern mitgeben?

 

Ich möchte sie dazu einladen, ihre eigene Verbindung zur Musik und zu bestimmten Zeitabschnitten neu zu entdecken. Jeder hat seine prägenden Songs und Erinnerungen. Mein Buch soll Lust darauf machen, sich daran zu erinnern, sie vielleicht neu zu interpretieren und eigene Geschichten darin zu finden. Denn Musik begleitet uns, formt uns und bleibt ein Teil unseres Denkens und Fühlens – egal, in welcher Zeit wir leben.